Ich gehör zu uns

Zum Dreifaltigkeitssonntag ein Impuls an Hand einer Predigt von Pfarrer Rainer Maria Schießler, St. Maximilian, München, zum Dreifaltigkeitssonntag. Übertragen im ZDF, am 31.5.2015:


Eine kurze Geschichte bringt es auf den Punkt: Ein kleiner Junge, drei, vier Jahre alt, kämpft sich tapfer an der Hand seines Vaters durch einen heftigen Gewitterregen. Patschnass kommen beide zu Hause an. Der Bub ist stolz wie Oskar, denn er hatte keine Angst und war sooo tapfer! Als Vater und Sohn – geduscht und getrocknet - mit dem Rest der Familie beim Abendessen zusammensitzen, sagt der Junge in die Tischgemeinschaft voller Überzeugung: „Gell, ich gehör doch zu uns!“

Das war für den kleinen Jungen ganz wichtig: Das Wir! Er gehört unverzichtbar zu dieser Familie, zu dieser wertvollen Gemeinschaft, in der er wachsen und reifen, in der er Mensch sein darf. Und das bei jedem Gewitter! „Ich gehör doch zu uns!“ Das macht ein unbesiegbares Gefühl der Geborgenheit aus. Wo es diese Geborgenheit gibt, da entsteht Familie. Sie ist heute wichtiger denn je. Allerdings dürfen wir ruhig den Begriff „Familie“ weiter fassen; die klassische Form Vater – Mutter – Kinder – deckt schon lange nicht mehr alle möglichen sozialen Beziehungen ab. 

Auch die Kirche will eine solche „Familie“ sein und meint damit nicht gleich zuerst sich selbst als Einrichtung. Sie redet gerade heute an diesem Sonntag von einer dreifaltigen Gemeinschaft: Sie meint damit den einen Gott, den Vater, den Schöpfer, Bewahrer und Vollender allen Lebens und aller Menschen. 

Und sie meint damit den Heiligen Geist, diese wirksame Macht und Kraft Gottes in dieser Welt. Übrigens: Beides – Gott-Vater und Gottes Geist – ist uns Christen, Juden und Muslimen gemeinsam.  

Und dann ist da noch – sozusagen als christliches Sondergut – der Jesus von Nazareth, Gottes Wort, Bild und Sohn. Er ist die Mitte unserer Verkündigung, von ihm müssen wir einfach reden, wenn wir Christen sein wollen. Damit wir jetzt diese Familie namens Dreifaltigkeit wirklich begreifen können, dazu hilft uns der Satz des kleinen Buben aus der Geschichte: „Ich gehör doch zu uns!“ Dieses „zu uns“, dieses „Wir“ des kleinen Buben, das ist der Geist Gottes in Person, von dem seit Pfingsten so viel die Rede ist. 

Dieser Geist ist so wichtig, denn er sprengt Mauern, „er führt in die Weite“ und erweitert enge Lebensverhältnisse und macht uns zur Familie Gottes.  Wie unser Bub dürfen auch wir sagen: Jawohl, wir gehören dazu. Nicht nur wir, sondern jeder Mensch, der sich nicht selber ausschließt.… oder immer noch ausgeschlossen wird, wie das sonst in unserer Gesellschaft tagtäglich viel zu oft passiert: Herkunft, Geschlecht, Bildung, sozialer Status, sexuelle Ausrichtung, religiöse Einstellung, alles kann ein Grund sein, ausgegrenzt zu werden. Christen wollen da einfach anders sein, haben den Mut vorurteilsfrei aufeinander zuzugehen und auch so miteinander umzugehen.

Bei uns hier ganz speziell in St. Maximilian kann man dieses „Wir“Bewusstsein schon gut spüren. Auch die Liturgie ist uns da eine große Hilfe: Wir sprechen eine Sprache, die alle verstehen. Wir benötigen keine großen Kommandos. Wir wenden uns offen dem anderen zu und werden angenommen. Wir verlangen nach Segen, Schutz, Glück und Heil und werden genau das für die Menschen, die unter dem gleichen Wunsch hierher und zu uns kommen.  

Pfingsten ist jeden Tag, wenn wir dieses „Wir“-Gefühl zulassen, das uns auch in unseren „Einzelkämpfen“, denen wir ständig ausgesetzt sind, ermutigt und trägt.  Ich sage es einfach so: Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese geistliche Energie wirklich gibt, die wir abgeben und von der wir zehren; auch wenn uns das nicht immer so bewusst ist. 

Schon deswegen ist kein Sonntag umsonst, den wir hier miteinander im gleichen Geist feiern. Aber es gilt auch: Es fehlt uns ganz einfach etwas, wenn auch nur ein einziger fehlt. Eine fröhliche, große Familie kann man nicht übersehen, so wie uns hier Sonntag für Sonntag und jeden Tag unter der Woche. Da wird dann das, was wir hier gemeinsam feiern zum gelebten Alltag!  Bekennen wir uns gemeinsam und doch auch jeder für sich zu dieser dreifaltigen Gemeinschaft!

Pfr. Schießler

Mehr zu Pfarrer Schießler in seinem Buch: "Himmel, Herrgott, Sakrament- Auftreten statt austreten".