Oster-e-mail von Pater Alfons Müller vom 11.04.15

Liebe Verwandte, Freunde & Bekannte,
 
Diese Mail stand schon Anfang Dezember 2014 auf meinem Programm - leider war die Rechnung ohne den Wirt gemacht - fast müsste ich sagen: ohne die Wirte - damals gab es jede Menge Quertreiber und Interferenzen - in diesem Augenblick kommen gerade aus der Kirche von der gegenüber liegenden Straßenseite Osterlieder-Klänge herüber. Also ganz herzliche Glückwünsche zum Osterfest, das sich hier in Kinshasa ohne Eier-Färben und -Suchen feiert, sondern mit langen feierlichen Gottesdiensten. Da sich die seit 25 Jahren im Bau befindliche Kirche St. Dominik hier in Limete erst bis zu den oberen Fensterstürzen hochgearbeitet hat, mussten vor dem bisherigen Gotteshaus Zelte aufgebaut werden für die vielen Überzähligen, die im Innern keinen Platz mehr finden konnten. Am Karfreitag begann die Liturgische Feier um 14 Uhr mit dem Kreuzweg und endete nach 20 Uhr. In unserer SVD-Pfarrei St. Amand verbrachten die Christen in der Osternacht 5 1/2 Stunden in der Kirche. Bei meiner deutsch-sprechenden Gemeinde ging es da ruhiger und kürzer zu: in der Kapelle der Augustiner waren mit dem Chor der Bana Ngayime gerade mal 50 Gläubige versammelt. Trotzdem hatten wir - obwohl es noch gar nicht richtig dunkel war - ein Osterfeuer mit Kerzen und Lichter-Prozession und Exsultet und Messe mit vielen Allelujas.
 
Das nach dem Ite misa est Halleluja stattfindende Gespräch hatte zur Folge, dass ich gestern mit einer Schweiz-Deutsch-Kongo Jeep-Besetzung zu einer Farm unterwegs war, die von einer Schweizerin bewirtschaftet wird. Sie hat uns vorgeführt, was sie alles schon gemacht hat: Bachbett verlegt, Mini-Brücken gebaut, Anlage von Fischteichen vorbereitet, Obstbäume gepflanzt, Hühner für den Fuchs unzugänglich gemacht, die beiden Äffchen am Eingang als Empfangs-Personal ausgebildet usw. usw. Wir hatten einen sehr schönen Tag und der Himmel war uns gnädig: ohne Sonne und ohne Regen - genau das, was man unterwegs gerne hat. Als Fahrer habe ich mich beim Essen und Trinken am Riemen gerissen - zum Glück, denn bei der Heimfahrt war ich dann der einzige mit offenen Augen. Die anderen haben vermutlich von der zukünftigen Ausflugs-Station geträumt mit Wassersport, Hügelbesteigung, Mountain-Bike-Touren, und vielen anderen Vergnügungs-Veranstaltungen. Da bei mir von Augenschließen keine Rede sein konnte, hatte ich nicht genügend Musse, darüber nachzudenken, ob man in diesem Erlebnis-Park nicht auch noch ein Auslauf-Modell von Alt-Seelsorger brauchen könnte. Zum Glück ist die Straße vom Flugplatz bis zur Stadt von den Chinesen 8-spurig ausgebaut. Hier stand ich schon mal gute fünf Stunden im Stau, wofür ich gestern gerade mal 20 Minuten brauchte. Die Müdigkeit sorgte für einen schnellen und tiefen Schlaf, der mir das Abtauchen in die träumerische Virtualität ersparte.
 
Wie Ihr alle wisst, war das vergangene Jahr für mich ein Goldenes und viele von Euch haben in irgendeiner Weise mit gefeiert. Geplant war eigentlich, mit dem Chor der Bana Ngayime am 12. Oktober in St. Augustin und dann 8 Tage später in Großrosseln zu feiern. Diesmal hieß der Wirt Ebola, mit dem keiner gerechnet hatte, der es aber scheinbar vor allem auf die Afrikaner abgesehen hatte. Ohne daß von Ebola überhaupt schon die Rede war, hatten wir am 1. Juni hier in Kinshasa in der SVD-Pfarrei Notre Dame d'Afrique gefeiert mit den SVDlern, Freunden und Bekannten - quer durch die Bevölkerung: Botschaft / deutsche Gemeinde / Welt- und Ordens-Klerus / Komponisten und Sänger / Medienleute und natürlich jede Menge Bana Ngayime Fans.  Sie waren zahlreich gekommen sowohl zur Messe als auch nachher zum musikalischen Imbiss. Auf meine an alle gestellte Frage: was hat Euch am besten gefallen, kam es meistens wie aus der Pistole geschossen: die Messe - das hat mir natürlich gefallen, es ging ja auch um ein Priester-Jubiläum und nicht um ein Konzert oder einen Koch-Wettbewerb. Trotzdem haben mir die Bana's nachher berichtet, dass sie 200 Teller mit Essen gefüllt hatten und keine Körbe mit Überresten wegschleppen mussten. Die Messgesänge wurden fein säuberlich - Audio & Video - aufgenommen und ich werde sie voraussichtlich im Mai bei der Theologischen Woche der Katholischen Universität in meinen Beitrag zur Entstehung der zairischen Messe einbauen. 
 
In St. Augustin und in Großrosseln kreuzte ich dann alleine auf. So schade ich das fand, war ich dann um so mehr überrascht über die beiden gelungenen Feiern. In St. Augustin hatte einer von unserem Kurs sogar den Provinzial und einen Philippino-Chor mobilisieren können und in Großrosseln erhielt die Feier von meinem Neffen Martin die Quote: Summa cum laude. Die Predigt von Hermann Engel und die Gala-Aufführung des Kirchenchores dürften bei dieser Beurteilung entsprechendes Gewicht gehabt haben. Die Überreichung des Ehren-Bürger-Briefs der Gemeinde Großrosseln ergänzte den Tag mit offiziell, lustig und sympathisch. Ich war richtig überrascht, so viele bekannte, aber auch unbekannte Gesichter vor mir zu haben. Vor 50 und 25 Jahren bei der Primiz und dem Silbernen Jubiläum waren Bänke und Stühle natürlich besser besetzt - damals war ich aber auch noch jünger und viele der damaligen Angereisten sind heute nicht mehr sichtbar unter uns. Ich bin mir aber sicher, dass sie mit uns gefeiert haben, sowohl in der Kirche als auch im Pfarrheim. Jedenfalls danke ich allen, die gekommen waren, allen voran unserem Pastor Lothar Stoffel mit den Freunden der Mission und Familie Klaus und Gabi Blaes, dem schon genannten Festprediger Domkapitular Hermann Engel, dem Cäcilien-Chor mit den prächtigen Dirigenten und Solisten, den Mit-Zelebranten Richard, Axel Maria, Andreas, Ernst und Karll Heinz. Meine beiden Brüder Gerhard und Heinz hatten dafür gesorgt, dass möglichst alle Familien-Glieder mit dabei waren - das ergab am Tag danach noch ein besonders gelungenes Familien-Treffen. Ich kann ja unmöglich alle Festgäste erwähnen - obwohl ich sie fast alle auf den vielen Photos erkennen kann. Euch allen ein ganz herzliches Danke schön und Vergelt's Gott. 
 
Die Bana Ngayime haben es sehr bedauert, nicht mit dabei gewesen zu sein - inzwischen sind sie aber schon wieder dabei, sich darauf vorzubereiten, die im vergangenen Jahr versäumte Tour nach zu holen - sie sind ja immer mit dabei, wenn auch meistens nur auf Cds und DVDs. Wie vor zwei Jahren, als ich mit dem Nemi-Kurs an meinem 75. Geburtstag nach Subiaco fuhr und die Bana's über den DVD-Player im Bus auf drei Monitoren mit dabei waren, um das passende Ständchen zu singen. Im September soll es los gehen: über Brüssel nach Steyl und Umgebung, dann nach Borken, wo ein früherer Steyler Zögling uns unbedingt haben wollte - dann nach Großrosseln mit dem dicksten Brocken und diesmal auch in den Schwarzwald - Sankt Blasien, wohin uns die Fallers lotsen wollen, die früher hier in Kinshasa regelmäßige Mitglieder unserer deutschen Gemeinde waren. Ob wir es bis zu Jürgen und Christine Hauskeller schaffen, steht sicher noch in den Sternen. 
 
Seit dem Protest der jungen Leute in Kinshasa, das den totalen Ausfall von Internet und Telefon-SMS hatte, sind die Internet-Verbindungen noch unzuverlässiger als früher. Das ist wohl auch mit ein Grund, warum diese Mail nicht schon am Anfang, sondern erst jetzt am Ende der Osterwoche zu Euch über den Äquator Richtung Norden rausgeht. Es sind aber auch andere Gründe - wir hatten ein gutes Programm an Video-Clips für den Palmsonntag aufgenommen, konnten aber nichts senden, weil der katholische Fernseh-Kanal von der Regierung zu gemacht wurde. Wir mussten also auf private Kanäle zusteuern, was natürlich eine Frage des Geldbeutels ist. Wir bissen in den sauren Apfel und mein Geldbeutel wurde mal wieder ordentlich gebeutelt. Was uns gefreut hat, war das Echo, das aus allen Richtungen kam. Als ich am Palmsonntag aufwachte, sah ich, dass Strom in der Leitung war und setzte mich ohne große Umwege an den Computer. Die erste E-mail kam aus Kisangani mit Glückwünschen zu unserer Art, die katholischen Kirchenlieder den heutigen Menschen schmackhaft zu machen. So etwas am frühen Morgen bringt Schwung in den ganzen Tag. Ungefähr 50 unserer Lieder stehen bereits auf You-Tube - bei jedem Fest werden es mehr. Inzwischen sind es Zig-Tausende, die sich unsere Lieder ansehen - besonders an Festen wie Weihnachten oder Ostern: vor allem Belgier, Franzosen, Amerikaner, Schweizer und Kanadier. Da die privaten TV-Kanäle zu teuer sind, kommt es uns sehr gelegen, interessierte Menschen über andere Wege zu erreichen. You-Tube/Bana Ngayime oder Facebook / Bana Ngayime.
 
So, das soll mal reichen für heute - wenn ich an meinen Senioren-Kurs in Nemi denke, hatte ich
heute mal wieder mehr getan, als mir zusteht. In der Nähe von Castel Gandolfo mit Blick auf den Nemi See hörte sich das sehr gut an: im Alter hat man nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte - oder die häufigen Exkurse über "loslassen", "abgeben" und Entschleunigung. Das Leben ist mal wieder anders als die Theorie. Bei mir jedenfalls: Meinen beiden ins Visier genommenen "Erben" ist plötzlich eingefallen, sie müssten sich noch etwas schlauer machen - beide sind jetzt in nördlicheren Gefilden am Studieren, während bei mir von Abspecken keine Rede sein kann. Mit bald 77 Jahren kam ich noch zu ehrenhaften Beförderungen - nach dem Motto von einem Missionar: bei der Suche von einem Nachfolger wirst Du am ehesten bei den älteren Mitbrüdern fündig. Mein Pflicht-Teil wurde sozusagen gleich verdoppelt. Zunächst muss ich mich noch einarbeiten. Dann ist das Treffen ins Süd-Afrika Ende Mai, das ich vorbereiten soll - da sind ja noch andere Kommunikations-Menschen. In Afrika reden offiziell alle SVDler Englisch und Französisch - bei unserem Treffen soll aber alles über die englische Schiene laufen. Ich lasse mal alles ganz gemütlich auf mich zu kommen und hoffe, dass meinetwegen die Welt nicht untergeht.
Ganze herzliche Grüße und nochmals Danke für alles: Grüße, Wünsche, Gebet, Geschenke, Briefe, E-mails, SMS etc - Alfons Müller svd